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Die Unabhängigkeit des Cyberspace

Nach mehr als 10 Jahren hat diese Erklärung NICHTS ans Aktualität eingebüsst. Lest sie Euch durch, denkt darüber nach - und vor allem glaubt an den freien Gesit, die freien Gedanken.


Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von John Perry Barlow:

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch
und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des
Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer
vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht
willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.

Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie
eine bekommen - und so wende ich mich mit keiner größeren Autorität
an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erkläre den
globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig
von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier
kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu
erzwingen, die wir zu befürchten hätten.

Regierungen leiten Ihre gerechte Macht von der Zustimmung der
Regierten ab. Unsere habt Ihr nicht erbeten, geschweige denn
erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch
unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer
Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr könntet ihn gestalten, als wäre er
ein öffentliches Projekt. Ihr könnt es nicht. Der Cyberspace ist ein
natürliches Gebilde und wächst durch unsere kollektiven Handlungen.

Ihr habt Euch nicht an unseren großartigen und verbindenden
Auseinandersetzungen beteiligt, und Ihr habt auch nicht den Reichtum
unserer Marktplätze hervorgebracht. Ihr kennt weder unsere Kultur
noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die unsere
Gesellschaft besser ordnen als dies irgendeine Eurer Bestimmungen
vermöchte.

Ihr sprecht von Problemen, die wir haben, aber die nur Ihr lösen
könnt. Das dient Eurer Invasion in unser Reich als Legitimation.
Viele dieser Probleme existieren gar nicht. Ob es sich aber um echte
oder um nur scheinbare Konflikte handelt - wir werden sie
lokalisieren und mit unseren Mitteln angehen. Wir schreiben unseren
eigenen Gesellschaftsvertrag. Unsere Regierungsweise wird sich in
Übereinstimmung mit den Bedingungen unserer Welt entwickeln, nicht
Eurer. Unsere Welt ist anders.

Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken
selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der
Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist
nicht dort, wo Körper leben.

Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung
oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und
Herkunft.

Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelnen an jedem Ort seine
oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch
sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu
müssen.

Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit,
Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren
auf der Gegenständlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im
Cyberspace keine Materie.

Unsere persönlichen Identitäten haben keine Körper, so daß wir im
Gegensatz zu Euch nicht durch physische Gewalt reglementiert werden
können. Wir glauben daran, daß unsere Regierungsweise sich aus der
Ethik, dem aufgeklärten Selbstinteresse und dem Gemeinschaftswohl
eigenständig entwickeln wird. Unsere Identitäten werden
möglicherweise über die Zuständigkeitsbereiche vieler Eurer
Rechtssprechungen verteilt sein. Das einzige Gesetz, das alle unsere
entstehenden Kulturen grundsätzlch anerkennen werden, ist die Goldene
Regel. Wir hoffen, auf dieser Basis in der Lage zu sein, für jeden
einzelnen Fall eine angemessene Lösung zu finden. Auf keinen Fall
werden wir Lösungen akzeptieren, die Ihr uns aufzudrängen versucht.

In den Vereinigten Staaten habt Ihr mit dem "Telecommunications
Reform Act" gerade ein Gesetz geschaffen, das Eure eigene Verfassung
herabwürdigt und die Träume von Jefferson, Washington, Mill, Madison,
Tocqueville und Brandeis beleidigt. Diese Träume müssen nun in uns
wiedergeboren werden.

Ihr erschreckt Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene
einer Welt sind, in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil
Ihr sie fürchtet, übertragt Ihr auf Eure Bürokratien die elterliche
Verantwortung, die Ihr zu feige seid, selber auszüben. In unserer
Welt sind alle Gefühle und Ausdrucksformen der Humanität Teile einer
umfassenden und weltumspannenden Konversation der Bits. Wir können
die Luft, die uns erstickt, von der nicht trennen, die unsere Flügel
emporhebt.

In China, Deutschland, Frankreich, Rußland, Singapur, Italien und den
USA versucht Ihr, den Virus der Freiheit abzuwehren, indem Ihr
Wachposten an den Grenzen des Cyberspace postiert. Sie werden die
Seuche für eine Weile eindämmen können, aber sie werden ohnmächtig
sein in einer Welt, die schon bald von digitalen Medien umspannt sein
wird.

Eure in steigendem Maße obsolet werdenden Informationsindustrien
möchten sich selbst am Leben erhalten, indem sie - in Amerika und
anderswo - Gesetze vorschlagen, die noch die Rede selbst weltweit als
Besitz definieren. Diese Gesetze würden Ideen als nur ein weiteres
industrielles Produkt erklären, nicht ehrenhafter als Rohmetall. In
unserer Welt darf alles, was der menschliche Geist erschafft,
kostenfrei unendlich reproduziert und distribuiert werden. Die
globale Übermittlung von Gedanken ist nicht länger auf Eure Fabriken
angewiesen.

Die zunehmenden feindlichen und kolonialen Maßnahmen versetzen uns in
die Lage früherer Verteidiger von Freiheit und Selbstbestimmung, die
die Autoritäten ferner und unwissender Mächte zurückweisen mußten.
Wir müssen unser virtuelles Selbst Eurer Souveränität gegenüber als
immun erklären, selbst wenn unsere Körper weiterhin Euren Regeln
unterliegen. Wir werden uns über den gesamten Planeten ausbreiten,
auf daß keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.

Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen.
Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure
Regierungen bislang errichteten.

John Perry Barlow (barlow@eff.org)

Davos, Schweiz

8. Februar 1996

(Deutsch von Stefan Münker)
2.5.08 08:02
 


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